Die Fraktionsgemeinschaft VOSI/PIRATEN unterstützt die Forderung des „Seniorenpolitischen Netzwerkes Chemnitz“ für die älteren Bewohnerinnen und Bewohner kommunalpolitisch mehr zu tun.

 

Memorandum

An die Stadträtinnen und Stadträte der Stadt Chemnitz

1. Altere Menschen stehen den gesellschaftlichen Veränderungen, besonders dem demographischen Wandel, nicht passiv gegenüber. Sie sind bereit, unsere Gesellschaft des langen Lebens mitzugestalten. Sie wollen mehr Verantwortung übernehmen. Deshalb rufen wir auf zu einer differenzierten Wahrnehmung der gesellschaftlichen Rolle älterer Menschen. Zu diesem Zweck sind, so die Forderung des 9. Deutschen Seniorentages, nachhaltig angelegte Strukturen, in denen sich ihr Engagement entfalten kann, unerlässlich. Mitgestaltungs- und Selbstorganisationsmöglichkeiten gehören zu den notwendigen Rahmenbedingungen. „Ältere Menschen sind aufgerufen, die zahlreichen Möglichkeiten der politischen Einflussnahme im parlamentarischen und vorparlamentarischen Raum noch stärker als bisher zu nutzen. Wo solche Mitbestimmungsrechte nicht bestehen, müssen sie gesetzlich festgelegt werden.

(Die BAGSO: Leipziger Erklärung „Alter leben-Verantwortung übernehmen“. Leipzig den 10. Juni 2009- 9. Deutscher Seniorentag)

2. Etwa 80 000 Bürgerinnen und Bürger der Stadt Chemnitz, also ein Drittel der der Gesamtbevölkerung sind 60 Jahre und älter und somit im Seniorenalter, noch dazu sehr unterschiedlich auf die Stadtgebiete verteilt. Auch die seniorennahen Jahrgänge sind zu berücksichtigen, die zum Teil in vielfältiger Weise mit Sozialabbau, Kurzarbeit, Niedriglöhnen, Arbeitslosigkeit und damit mit der Perspektive Altersarmut konfrontiert sind. 60 000 Einwohner hat die Stadt Chemnitz vorrangig durch Abwanderung vorwiegend junger, arbeitsfähiger Menschen verloren, wodurch die Lage verschärft wurde. Daraus macht sich ein Paradigmenwechsel in der kommenden Seniorenpolitik der Stadt Chemnitz, der Großstadt mit dem höchsten Altersdurchschnitt in Deutschland, erforderlich. Ein „Weiter so“ ist nicht mehr gangbar. Da hilft nicht das Gerede vom „Gespenst der Überalterung“ oder dem „Generationenkonflikt“. Hier ist sachliche Analyse gefordert. Demographischer Wandel und seine Gestaltung in Chemnitz könnte gar in gemeinsamer Arbeit mit den Seniorinnen und Senioren als Beispiel in Deutschland entwickelt werden. Das tangiert alle Bereiche der Stadtentwicklung.

3. Das moderne Altenbild geht davon aus, dass sich die Rolle der Seniorinnen und Senioren grundlegend geändert hat. Sie sind nach ihrem Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess länger aktiv als früher. Sie sind länger gesund und mobil und ihr Alterdurchschnitt nimmt ständig zu, ohne dabei notwendigerweise an geistiger Frische einzubüßen. Deshalb gehört es heute schon bei vielen zur Normalität, im umfassenden Sinne am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Mittlerweile sind es zwei Generationen, die in das Seniorenalter einzuordnen sind. Das ist eine neue Qualität. Unter Berücksichtigung dieser Umstände geht es künftig stärker um die Herausarbeitung und Berücksichtigung eines positiven Altersbildes, das die Interessen und Potentiale der Seniorinnen und Senioren herausstellt und nutzt. Über systematische Information und Einbeziehung der Seniorinnen und Senioren mit ihren Institutionen und Vertretungen ihre Mobilität und Tatkraft zu fördern, ihr Potenzial an Wissen und Lebenserfahrung auszuschöpfen sie als Subjekt der Kommunalpolitik zu betrachten, gehört zu den vornehmsten Aufgaben.

4. Ein in dieser Weise positives Verständnis des Alters schließt Verletzlichkeit und Brüchigkeit des Lebens ein. Unterstützung im Pflegefall, Hilfestellung bei Problemen des täglichen Lebens, Lösung von Fragen der Infrastruktur, des Gesundheits- und Verkehrswesens gehören selbstverständlich dazu. Auch im hohen Alter muss ein würdevolles Leben gewährleistet sein. Ebenso sollte das Verhältnis von Alt und Jung nicht aus dem Blickfeld geraten.

5. Wir als Vertreter der Senioren- und Sozialverbände erwarten demzufolge einen Umdenkungsprozess, eine Neuorientierung in den Verbänden selbst sowie bei den Trägern der kommunalen Seniorenpolitik von Chemnitz, die eine wirksame Mitgestaltung und Mitbestimmung der Senioren auch ermöglichen. Daraus abgeleitet sind zum Beispiel veränderte Aufgabenbereiche in der Verwaltung zu überdenken. Moderne Seniorenarbeit muss darüber hinaus als Querschnittsaufgabe organisiert werden. Die Ausdehnung des Seniorenpolitischen Netzwerkes auf weitere im Themenbereich arbeitende Wohlfahrtsverbände und Vereine wäre mit Sicherheit eine Bereicherung. Zudem bedarf überwiegend ehrenamtliche Tätigkeit, für die Seniorinnen und Senioren ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft aufbringen, materieller Voraussetzungen, die ohne Aufwandsentschädigung und finanzielle Förderung nicht u bewältigen sind.

6. Wir erwarten zudem die Respektierung der Lebenserfahrung der Senioren. Unsere Bürger schauen zu Recht mit verhaltenem Stolz auf ihr Land. Das ist das Verdienst der Generationen, die heute Rente oder Pensionen beziehen. Sie haben das Land unter großen Opfern zum heutigen Stand gebracht. Am Wiederaufbau nach dem verheerenden früheren Weltkrieg waren sie in beiden früheren Teilen Deutschlands maßgebend beteiligt. Die Beschäftigten im Osten Deutschlands haben dazu oft aus Weniger Mehr machen müssen. Daraus resultieren wichtige Erfahrungen, die nicht ignoriert werden sollten. Die Stadt Chemnitz als einst bedeutende Industrie- und Universitätsstadt hat Persönlichkeiten hervorgebracht, die über nicht zu unterschätzende Erfahrungen verfügen und die sie nicht nur im Schrebergarten umsetzen wollen. Aber auch dort, wo bereits ehrenamtliches Engagement in Seniorengruppen, Verbänden, Vereinen und Initiativenstatt findet, muss diesen höhere gesellschaftliche Anerkennung zuteil werden und durch aktivierende Rahmenbedingungen abgesichert sein. Ehrenamtliches Engagement als Ersatz für den staatlichen Rückzug aus sozialer Verantwortung lehnen wir allerdings ab.

Wir fordern zu den aufgeworfenen Fragen, die bei weitem nicht vollständig sind, zum erfrischenden Dialog auf und bitten um Ihre Unterstützung.

-Seniorenpolitisches Netzwerk Chemnitz-